Eigene Stärken erkennen: Wie du den richtigen Job für dich findest

Manche Menschen blühen in ihrem Beruf regelrecht auf. Sie bringen Ideen ein, übernehmen Verantwortung, entwickeln sich weiter und haben das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Andere fühlen sich trotz guter Qualifikationen und hoher Leistungsbereitschaft dauerhaft erschöpft, unsicher oder fehl am Platz.

Woran liegt das?

Wir neigen dazu, beruflichen Erfolg vor allem an unseren individuellen Fähigkeiten festzumachen. Wer erfolgreich sein möchte, muss die richtigen Kompetenzen entwickeln, an seinen Schwächen arbeiten und sich kontinuierlich verbessern. Dabei übersehen wir manchmal einen entscheidenden Faktor: das Umfeld, in dem wir arbeiten.

Denn selbst unsere größten Stärken können ihre Wirkung verlieren, wenn die Bedingungen nicht zu uns passen.

Wer sich beruflich neu orientieren möchte, sollte deshalb nicht nur fragen: Was kann ich besonders gut? Sondern auch: Unter welchen Bedingungen kann ich das, was ich gut kann, überhaupt entfalten?

Warum es uns so schwerfällt, unsere eigenen Stärken zu erkennen

Wenn ich Menschen frage, worin ihre Stärken liegen, fällt ihnen die Antwort häufig schwerer als erwartet. Nach ihren Schwächen gefragt, können viele dagegen sofort eine ganze Liste aufzählen.

Das hat unter anderem damit zu tun, wie wir uns selbst wahrnehmen.

Was uns leichtfällt, erscheint uns oft selbstverständlich. Wir gehen davon aus, dass andere Menschen genauso denken, fühlen oder handeln wie wir. Eine Fähigkeit, für die uns andere bewundern, nehmen wir möglicherweise gar nicht als besondere Stärke wahr.

Vielleicht gelingt es dir besonders gut, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Vielleicht spürst du schnell, wie es anderen Menschen geht, oder schaffst es, in schwierigen Situationen Ruhe zu bewahren. Möglicherweise fällt es dir leicht, Menschen für Ideen zu begeistern, Strukturen zu entwickeln oder kreative Lösungen zu finden.

Weil diese Fähigkeiten ein natürlicher Teil von dir sind, übersiehst du leicht, welchen Wert sie haben.

Hinzu kommt, dass wir in vielen beruflichen Kontexten stärker auf unsere Entwicklungsfelder aufmerksam gemacht werden als auf unsere vorhandenen Ressourcen. Feedbackgespräche drehen sich häufig darum, was wir noch verbessern könnten. Das kann sinnvoll sein, führt aber manchmal dazu, dass wir unsere Aufmerksamkeit überwiegend auf vermeintliche Defizite richten.

Dabei ist das Bewusstsein für unsere Stärken eine wichtige Grundlage, um berufliche Entscheidungen zu treffen, die wirklich zu uns passen.

Deine Stärken brauchen das richtige Umfeld

Stell dir zwei Menschen vor, die beide besonders kreativ sind.

Die eine Person arbeitet in einem Umfeld, in dem neue Ideen willkommen sind, Experimente ausdrücklich erwünscht sind und Fehler als Teil eines Lernprozesses verstanden werden.

Die andere arbeitet in einer Organisation mit starren Prozessen, wenig Gestaltungsspielraum und einer Führungskraft, die vor allem auf die Einhaltung bestehender Abläufe achtet.

Beide Menschen bringen dieselbe Stärke mit. Trotzdem werden sie ihren Arbeitsalltag vermutlich sehr unterschiedlich erleben.

Während die erste Person ihre Kreativität als wertvolle Ressource einsetzen kann, empfindet die zweite sie möglicherweise irgendwann sogar als Belastung.

Vielleicht beginnt sie, an sich selbst zu zweifeln. Sie fragt sich, warum sie sich nicht besser anpassen kann oder weshalb ihr die Arbeit so viel Energie kostet.

Dabei liegt das Problem möglicherweise gar nicht in ihrer Persönlichkeit.

Manchmal brauchen wir keine neuen Fähigkeiten, sondern ein Umfeld, in dem unsere vorhandenen Stärken wirksam werden können.

Ich bezeichne dieses Zusammenspiel gerne als unser berufliches Habitat.

Ähnlich wie Pflanzen unterschiedliche Bedingungen benötigen, um zu wachsen, brauchen auch Menschen verschiedene Arbeitsumgebungen, um ihre Potenziale entfalten zu können.

Manche Menschen fühlen sich in dynamischen, schnelllebigen Organisationen wohl. Andere benötigen klare Strukturen und Verlässlichkeit. Manche gewinnen Energie durch den Austausch mit vielen Menschen, während andere besonders gut arbeiten, wenn sie sich über längere Zeit konzentrieren können.

Keine dieser Arbeitsweisen ist grundsätzlich besser oder schlechter.

Entscheidend ist, wie gut unsere individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten zu den Anforderungen unseres Arbeitsumfelds passen.

Wenn berufliche Unzufriedenheit zu Selbstzweifeln führt

Besonders schwierig wird es, wenn wir längere Zeit in einem Umfeld arbeiten, das nicht zu uns passt.

Was zunächst als Unzufriedenheit beginnt, kann sich mit der Zeit auf unser Selbstbild auswirken.

Vielleicht bekommst du regelmäßig die Rückmeldung, dass du zu sensibel bist, zu viele Fragen stellst oder dich stärker durchsetzen solltest. Vielleicht hast du das Gefühl, ständig gegen deine eigenen Bedürfnisse arbeiten zu müssen.

Irgendwann entsteht daraus möglicherweise die Überzeugung, dass mit dir etwas nicht stimmt.

Dabei lohnt sich ein Perspektivwechsel.

Was wäre, wenn deine vermeintliche Schwäche in einem anderen Kontext eine Stärke wäre?

Eine hohe Sensibilität kann beispielsweise in einem hektischen, reizintensiven Umfeld anstrengend sein. Gleichzeitig kann sie dabei helfen, zwischenmenschliche Dynamiken wahrzunehmen, Bedürfnisse zu erkennen und Beziehungen bewusst zu gestalten.

Ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Struktur kann in einem chaotischen Arbeitsumfeld zu Frustration führen. In einer anderen Rolle kann genau diese Fähigkeit entscheidend dazu beitragen, komplexe Projekte erfolgreich umzusetzen.

Natürlich bedeutet das nicht, dass wir uns niemals weiterentwickeln oder an unseren Fähigkeiten arbeiten sollten. Persönliche Entwicklung bleibt wichtig.

Aber sie sollte nicht ausschließlich daraus bestehen, uns möglichst gut an Bedingungen anzupassen, die dauerhaft gegen unsere Bedürfnisse arbeiten.

Berufliche Neuorientierung: Welcher Job passt wirklich zu mir?

Wenn wir über berufliche Neuorientierung nachdenken, konzentrieren wir uns häufig zuerst auf konkrete Berufsbezeichnungen.

Welche Branche interessiert mich? Welche Position könnte ich übernehmen? Sollte ich den Arbeitgeber wechseln oder mich vielleicht sogar selbstständig machen?

Diese Fragen sind wichtig. Allerdings setzen sie an einem Punkt an, an dem wir häufig noch gar nicht ausreichend verstanden haben, was wir eigentlich suchen.

Bevor du dich für einen neuen beruflichen Weg entscheidest, lohnt es sich deshalb, deine bisherigen Erfahrungen genauer zu betrachten.

In welchen Situationen hast du dich besonders kompetent und lebendig gefühlt? Welche Aufgaben sind dir leichtgefallen? Wann hattest du das Gefühl, einen wertvollen Beitrag zu leisten?

Und genauso wichtig: Unter welchen Bedingungen ist dir das gelungen?

Vielleicht erkennst du dabei, dass du gar nicht grundsätzlich unzufrieden mit deinem Beruf bist, sondern vor allem mit bestimmten Rahmenbedingungen.

Möglicherweise möchtest du weiterhin im selben Bereich arbeiten, aber mehr Verantwortung übernehmen. Vielleicht brauchst du weniger Führungsverantwortung, mehr kreative Freiheit, ein kleineres Team oder einen Arbeitsalltag, der besser zu deinem Leben passt.

Berufliche Neuorientierung muss nicht immer bedeuten, alles hinter sich zu lassen.

Manchmal besteht die wichtigste Veränderung darin, genauer zu verstehen, was wir brauchen, um unsere Arbeit als sinnvoll und erfüllend zu erleben.

Coaching-Übung: So kannst du deine eigenen Stärken erkennen

Eine Möglichkeit, deine Stärken bewusster wahrzunehmen, besteht darin, deine Selbstwahrnehmung durch die Perspektiven anderer Menschen zu ergänzen.

Dafür möchte ich dir eine kleine Übung mitgeben, die du ganz einfach selbst ausprobieren kannst.

Schritt 1: Frage fünf Menschen nach deinen Stärken

Wähle fünf Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen aus. Das können Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde, Familienmitglieder oder ehemalige Führungskräfte sein.

Bitte sie, dir folgende Fragen zu beantworten:

„Was kann ich deiner Meinung nach besonders gut?“

„In welchen Situationen erlebst du mich als besonders stark?“

„Welche Fähigkeit an mir nehme ich möglicherweise selbst als selbstverständlich wahr?“

Versuche, die Antworten zunächst einfach aufzunehmen, ohne sie zu relativieren oder zu erklären.

Gerade Rückmeldungen, die dich überraschen, können besonders aufschlussreich sein.

Schritt 2: Suche nach wiederkehrenden Mustern

Lies dir die Antworten in Ruhe durch und achte darauf, welche Eigenschaften oder Fähigkeiten mehrfach genannt werden.

Vielleicht beschreiben dich unterschiedliche Menschen mit ähnlichen Begriffen. Vielleicht erkennst du auch Fähigkeiten, die sich durch verschiedene Lebensbereiche ziehen.

Dabei geht es nicht darum, möglichst viele positive Eigenschaften zu sammeln.

Viel interessanter ist die Frage, welche Stärken tatsächlich charakteristisch für dich sind.

Schritt 3: Erinnere dich an deine besten beruflichen Momente

Denke an drei Situationen aus deinem bisherigen Berufsleben, in denen du dich besonders wohl, kompetent oder wirksam gefühlt hast.

Was genau hast du damals gemacht? Welche deiner Fähigkeiten konntest du einsetzen? Mit welchen Menschen hast du zusammengearbeitet?

Und welche Rahmenbedingungen haben dazu beigetragen, dass du dich so entfalten konntest?

Vielleicht entdeckst du, dass bestimmte Aufgaben, Arbeitsweisen oder zwischenmenschliche Konstellationen immer wieder auftauchen.

Schritt 4: Beschreibe dein berufliches Habitat

Verbinde nun deine Erkenntnisse aus den vorherigen Schritten.

Überlege, welche Bedingungen du benötigst, damit deine Stärken im Arbeitsalltag zur Geltung kommen.

Wie viel Struktur brauchst du? Wie viel Freiheit? Wie wichtig sind dir Zusammenarbeit, Eigenverantwortung, Ruhe oder Abwechslung?

Versuche, dein ideales berufliches Umfeld möglichst konkret zu beschreiben.

Du musst daraus noch keinen Karriereplan entwickeln. Zunächst geht es darum, ein klareres Bild davon zu bekommen, welche Bedingungen zu dir passen.

Wie Karrierecoaching dir helfen kann, deinen beruflichen Weg zu finden

Wenn wir uns beruflich verändern möchten, suchen wir häufig nach einer möglichst schnellen Antwort auf die Frage, welcher Job der richtige für uns ist.

Doch gerade bei grundlegenden beruflichen Entscheidungen kann es hilfreich sein, zunächst die eigenen Perspektiven zu erweitern.

Im systemischen Karrierecoaching betrachten wir deshalb nicht nur deine Fähigkeiten und beruflichen Ziele, sondern auch die Zusammenhänge, in denen du dich bewegst.

Welche Erwartungen beeinflussen deine Entscheidungen? Welche Überzeugungen hast du über dich selbst entwickelt? Welche Erfahrungen haben dein berufliches Selbstbild geprägt? Und welche Bedürfnisse kommen in deiner aktuellen Situation möglicherweise zu kurz?

Durch meine eigene Erfahrung in der digitalen Arbeitswelt, in Führungspositionen und in unterschiedlichen Organisationsformen weiß ich, wie stark Arbeitsbedingungen unser berufliches Erleben beeinflussen können.

Gleichzeitig gibt es keinen beruflichen Weg, der für alle Menschen gleichermaßen richtig ist.

Im Coaching geht es deshalb darum, gemeinsam herauszufinden, was für dich persönlich stimmig ist und welche nächsten Schritte sich daraus ergeben können.

Du bist vielleicht schon heute gut genug

Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens damit, uns weiterzuentwickeln, neue Fähigkeiten zu erlernen und an uns zu arbeiten.

Das kann unglaublich bereichernd sein.

Aber manchmal lohnt es sich, den Blick von unseren vermeintlichen Defiziten auf die Bedingungen zu richten, unter denen wir leben und arbeiten.

Vielleicht musst du nicht erst selbstbewusster, belastbarer oder leistungsfähiger werden, um beruflich glücklich zu sein.

Vielleicht darfst du zunächst herausfinden, welche Stärken du längst mitbringst und in welchem Umfeld sie wirklich zur Geltung kommen.

Denn wir sind schon heute gut genug. Aber wir brauchen den richtigen Rahmen, damit unsere Stärken wirksam werden können.

Wenn du dir Unterstützung dabei wünschst, deine beruflichen Stärken zu erkennen und neue Perspektiven für deinen Karriereweg zu entwickeln, begleite ich dich gerne im systemischen Karrierecoaching bei Lebalance – online oder in Köln.

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Berufliche Neuorientierung: Warum dein Umfeld deine Karriere stärker beeinflusst, als du denkst